9. November

Gedenkaktion „Mahnwache und STOLPERSTEINE putzen“

Impressionen der Gedenkaktion 2016

Die Initiative 9. November erinnert jährlich an die Ereignisse des Reichspogromnacht 1938. Die Initiative ruft zum gemeinsamen Putzen der Stolpersteine auf, um den Toten zu Gedenken.
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Wir wenden uns entschlossen gegen jede Form von Rassismus und Antisemitismus! Für Weltoffenheit, Zivilcourage und ein demokratisches Miteinander.

Darum: Jedes Jahr zum 9. November Gedenken an den Stolpersteinen

Reinigen wir gemeinsam zur Mahnwache die Stolpersteine und entzünden an jedem Stolperstein eine Kerze zur Erinnerung und Mahnung an die Opfer der NS-Diktatur. Damit machen wir die Verbrechen wieder sichtbar! An den ehemaligen Wohnorten verschleppter Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, politisch und konfessionell Verfolgter, Homosexueller und Euthanasieopfer werden Blumen zum Gedenken an die Opfer niedergelegt.

Rede von Prof. Dr. Cornelius Weiss anlässlich dem Gedenken der Reichspogromnacht 2016

– Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitstreiter und Mitstreiterinnen,

im Namen des Erich Zeigner-Haus e.V. möchten wir ihnen hiermit den Text
zur Verfügung stellen, der von unserem Vereinsmitglied Prof. Dr.
Cornelius Weiss im Rahmen der Gedenkveranstaltung an der ehemaligen
Leipziger Synagoge am 9. November 2016 gehalten wurde. –

 

Leipzigerinnen und Leipziger,

liebe Gäste dieser Stadt,

 

„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ schrieb Bertolt Brecht bereits im Jahre 1955 als Warnung gegen das drohende Wiedererstarken des Faschismus. Heute, da wir der Opfer der Pogromnacht vor 78 Jahren gedenken und damit zugleich an den brutalen Auftakt zum größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte, den Holocaust, erinnern, sind diese Worte Brechts von bestürzender Aktualität.

 

Schon wieder gibt es in Deutschland Neonazi-Netzwerke, die auch vor Mord nicht zurückschrecken. Bei Demonstrationen ewig Gestriger und zunehmend auch im Internet toben sich Hass und schamlose Gewaltphantasien aus. Wieder erhebt der Antisemi-tismus sein hässliches Haupt. Nationalistische und fremdenfeindliche Parolen dringen

bis in die Mitte der Gesellschaft vor. Die Grenzen zwischen Bürgern und Rechtsextre-misten beginnen, durchlässig zu werden.

 

Ich möchte daher hier und heute an einen Holocaust-Überlebenden, den jüdisch-italienischen Schriftsteller Primo Levi erinnern. Levi schrieb in seinem autobiogra-phischen Bericht über das Vernichtungslager Auschwitz, der 1947 unter dem Titel Ist das ein Mensch? erschien, folgende kluge und vorausschauende Sätze – ich zitiere:

 

„Wir können es nicht verstehen. Aber wir können und müssen verstehen,             woher es entsteht, und wir müssen wachsam bleiben. Wenn es schon    unmöglich ist, zu verstehen, so ist doch das Wissen notwendig. Denn das

            Bewusstsein kann wieder verführt und verdunkelt werden, auch das unsere.“

 

Das ist eine zutiefst erschreckende, aber angesichts des soeben beschriebenen gesellschaftlichen Klimas in Deutschland leider wohl wirklichkeitsnahe Erkenntnis: das Bewusstsein der Menschen ist trotz der unfassbaren Verbrechen der Nationalsozialisten nicht automatisch und nicht für immer immun gegenüber einem erneuten Aufflammen rassistischer Wahnsinns-Ideen, es kann durchaus erneut manipuliert und verführt werden. Das gilt um so mehr, als die heute über 80-Jährigen bald die letzten authentischen Zeitzeugen sein werden.

 

Wenn sich nicht wiederholen soll, was sich niemals wieder ereignen darf, sind  umfas-

sendes und belastbares gesellschaftliches Faktenwissen um die Wurzeln faschistoider Ideologien und entschlossenes Handeln, sobald die ersten Symptome sichtbar werden, unabdingbar.

 

Dabei ist es – ich zitiere weiter Primo Levi – nicht leicht oder angenehm, in   diesem Abgrund des Bösen zu graben. Man ist versucht, sich          schaudernd            abzuwenden und sich zu  weigern, zu sehen und zu hören: das ist eine          Versuchung, der man widerstehen muss.“

 

Im Lichte dieser mahnenden Worte war es eine mutige und weitsichtige Tat, als schon vor 1989 erstmals in Leipzig junge Leute spontan damit begannen, sich an den Jahrestagen der Reichspogromnacht mit Kerzen in den Händen am Ort der am 9. November 1938 ebenfalls völlig zerstörten Leipziger Großen Gemeinde-Synagoge zu versammeln.

 

Ich bin dankbar und glücklich, dass diese wichtige Form des gemeinsamen Erinnerns und Gedenkens an die Leiden unserer jüdischen Mitbürger seither in Leipzig einen festen Platz hat. Ebenso zählen seit nunmehr 8 Jahren die Mahnwachen und das Putzen der inzwischen 334 Stolpersteine, das stille Gedenken an die namentlich bekannten Opfer des Holocaust jeweils am Abend des 9. November zu den guten Traditionen unserer Stadt.

 

Denn wir wollen und wir müssen dafür sorgen, dass die Taten der Nazi-Verbrecher, die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte und das Schicksal der europäischen Juden nie vergessen werden.

 

Nie wieder Rassenhass in unserem Land! Nie wieder Faschismus! Es ist unsere heilige Pflicht, diese Lehren unserer Geschichte weiter zu geben – an unsere Kinder und Enkel, von Generation zu Generation:  L’dor Vador.

 

Shalom!

Sie möchten auch ein Zeichen setzen und mitmachen?

Und so einfach geht es für Leipzig:

Oder Sie senden uns eine E-Mail mit dem Namen des Opfers auf dem Stolperstein an dem Sie die Mahnwache abhalten möchten. In jedem Fall erhalten Sie eine Bestätigung per E- Mail durch uns. Informationen zu den Opfern deren Namen und die Lage der Stolpersteine erhalten sie im Menü unter „Orte der Steine“.

Vielen Dank für die Unterstützung!
i.A. Susanne Borschke

E-Mail: 9ternovember@erich-zeigner-haus-ev.de